„Vor 10 Jahren vergingen noch 3,5 Jahre, bis sich das medizinische Wissen verdoppelte – heute sind es weniger als drei Monate“

Oliver Seyboldt

Senior Director, Europe - Health Learning, Research & Practice bei Wolters Kluwer

Herr Seyboldt, Sie sind als Senior Director bei Wolters Kluwer im Geschäftsbereich „Health Learning, Research and Practice“ für den europäischen Markt verantwortlich. Worin liegt Ihr Geschäftsfeld?
Wir entwickeln Expertenlösungen für Anwendungsfelder, in denen Qualität und Genauigkeit entscheidend sind. Ziel ist die Förderung wissenschaftlicher Erkenntnisse und die Verbesserung der medizinischen Behandlungsqualität. Wir setzen dabei auf hochwertige Inhalte und Software, die auf den konkreten Anwendungsfall ausgerichtet ist. Das betrifft die Medizin, die Wissenschaft und die medizinische Ausbildung.

Auf welche Art betreiben Sie Innovation?
Einerseits entwickeln wir neue Angebote, die zusätzlichen Wert schaffen. Ein Beispiel dafür ist 3D-Anatomiesoftware, mit der Dozenten und Studenten die Funktionen des menschlichen Körpers auf effektive Art erkunden und vermitteln können. Andererseits beschleunigen wir Abläufe, indem wir einen besseren Lösungsweg für bestehende Probleme anbieten. Eine künstlich intelligente Unterstützung bei der Bewertung möglicher Nebenwirkungen und deren Risikoabschätzung für forschende Pharmaunternehmen wäre ein Beispiel dafür.

Vor nicht einmal 10 Jahren wurde dies alles mit medizinischen Zeitschriften, Datenbanken und Büchern erledigt. Warum reicht das nicht mehr aus?
Vor 10 Jahren vergingen noch 3,5 Jahre, bis sich das medizinische Wissen verdoppelte – heute sind es weniger als drei Monate. Die exponentielle Kurve ist gewaltig. Ärzte und Wissenschaftler stehen unter enormem Druck, alle neuen Erkenntnisse zum Wohl des Patienten zu berücksichtigen. Gleichzeitig führt Kostendruck im Wissenschaftsbetrieb und im klinischen Alltag zu Zeitdruck.

Wie kann man dieses Problem lösen?
Mit neuer Software bestehend aus künstlich intelligenten Algorithmen und qualitätsgesicherten Inhalten. Die Algorithmen optimieren kontinuierlich das Ergebnis. Allerdings benötigen sie eine umfangreiche und qualitätsgesicherte Datenbasis, um trainiert zu werden.

Das kostet sicher mehr Geld als ein einfaches Buch.
Genau wie in vielen anderen Bereichen der medizinischen Versorgung führen neue, leistungsfähigere Verfahren zu höheren Kosten. Gesellschaftspolitisch stellt sich die Frage, wie hoch hier unser Anspruch ist. Ich bin der Meinung, dass die für einen Behandlungserfolg entscheidende wissenschaftliche Erkenntnis von unschätzbarem Wert ist. Laut einem im Auftrag des Bundesbildungs- und Forschungsministeriums erstellten Berichts etablieren sich nur 10% der Forschungsergebnisse nach 20 Jahren in der Versorgung. Das können wir durch Entscheidungsunterstützungssysteme beschleunigen.

Andererseits beunruhigt diese Entwicklung auch viele Menschen.
Die Rolle entscheidungsunterstützender Systeme bei der Erforschung, Diagnose und Heilung von Erkrankungen wird kontrovers diskutiert. Einige Menschen sind besorgt, dass Maschinen die Kontrolle über unser Handeln gewinnen werden. Meiner Ansicht nach wird immer der Mensch die Therapieentscheidung treffen, während die Software ihn dabei unterstützt.

 

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